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FACES OF EVIL - GESICHTER DES BÖSEN

»Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.«

Albert Einstein

 

Die Frage nach dem Bösen beschäftigt die Menschheit seit Anbeginn. Ein ewiges Thema, ein vertrautes Thema – ein verbrauchtes Thema? Weit gefehlt, das Böse in seiner Allgemeingültigkeit bleibt aktuell, immer neu zeigt es sein Gesicht. Zu allen Zeiten versuchte der Mensch, sich vom Bösen ein Bild zu machen. Auch verbunden mit dem Wunsch, durch Erkennbarkeit das Böse zu verhindern. Besonderen Ausdruck fand dieser Wunsch in den beiden Pseudowissenschaften Physiognomik und Phrenologie.

 

Das Bild des Bösen erhielt im 20. Jahrhundert durch grausame Diktatoren und Despoten eine Vielzahl neuer Gesichter. Ihre Gesichter sind zu modernen Inkarnationen des Bösen geworden. In Fotografie und Film inszeniert und fortwährend medial am Leben gehalten, sind die Konterfeis von Menschen wie Adolf Hitler, Josef Stalin und Saddam Hussein fest im kollektiven Bildergedächtnis verankert. Wie konnten diese Männer in Positionen gelangen, die es ihnen ermöglichten, ihre Grausamkeiten auszuleben?

 

Einsteins Ausspruch dient hier als schlüsselgebender Hinweis: Indem man sie lässt; indem eine Gesellschaft zulässt, womöglich noch befördert, dass ›der Böse‹ sein Tun ausführen kann. So steht hinter dem Gesicht eines Diktators eine Vielzahl von Gesichtern aktiver und passiver Mittäter. Ertönt allerortens nach dem Ende einer Schreckensherrschaft der Ruf des »Nie wieder!«, zeigt der Blick in die Geschichte, dass neue Tyrannen immer wieder und überall zugelassen werden können. Diese Erkenntnis war der Ausgangspunkt für FACES OF EVIL.

 

Wir fotografierten von November 2007 bis März 2008 in Hamburg, München, Wien, Dresden, Frankfurt, Berlin, Amsterdam, Moskau, Belgrad, London, Barcelona, Paris und Mailand mehr als 350 Personen. Aus ihnen entstanden die dreizehn FACES OF EVIL, zusammengefügt aus Gesichtern von Menschen des jeweiligen Landes. Das Portrait Hitlers besteht zum Beispiel aus 37 Personen. Seine Nase gehört einem Immobilienmakler aus Berlin, die Oberlippe ist von einem Schlosser aus Dresden. Die Frisur ist zusammengesetzt aus den Haaren eines Künstlers aus Weiden und eines Malers aus Bamberg. Das Kinn stammt von einem Hamburger Restaurantbesitzer, die Augen von einem Bankberater aus Frankfurt, die Tränensäcke von einem Feinmechaniker aus Bautzen, der Hals von einem Wiener Bankangestellten, der Bart von einem Koch aus Wuppertal? Jede Falte, jede Augenbraue, jeder Leberfleck wurde originalgetreu nachgebaut. Ebenso Narben, Hautschuppen, Nasenhaare, grobe Poren oder Tränensäcke.

 

Was sind diese Komposita nun? Ein Pars pro Toto, das in jedem von uns – wenn nicht ein Hitler, so doch ein potenzieller Mittäter oder wenigstens ein Dulder – steckt, wenn nur die Umstände entsprechend sind? Zumindest führen sie deutlich vor Augen, dass grausame Männer wie Mao Zedong, Ceau?escu oder Franco gewöhnliche Menschen aus Fleisch und Blut waren. Ein Phänomen, das Hannah Arendt ›die Banalität des Bösen‹ nannte. Sie waren nicht die abstrakten ›Monster‹, als die sie gern gesehen werden, um sich so auf einfache Weise von ihnen zu distanzieren.

 

Die FACES OF EVIL fordern durch ihre besondere, ungewöhnliche Herstellungsweise zur Auseinandersetzung auf: einerseits mit dem Menschsein von Tyrannen, andererseits damit, dass sich hinter dem Diktatorenkopf eine Vielzahl von Helfern und Helfershelfern verbirgt, die in ihrer Gesamtheit das Gesicht einer Schreckensherrschaft bilden.

 

Christian Lechelt, Hans Weishäupl